Doppelbelastung Familie und Beruf

– sind Kind und Karriere heute wirklich miteinander vereinbar?

Staat und Wirtschaft sind sich in einem Punkt einig: Damit Wohlstand herrschen kann und die Gesellschaft nicht überaltert, müssen Kinder geboren werden. Gleichzeitig sollten möglichst viele Mütter schnell wieder in den Beruf einsteigen – und das im Idealfall in Vollzeit.

Um dieses Ziel zu realisieren hat die Bundesregierung ein Gesetz verabschiedet, welches 2013 in Kraft trat und Familien einen Betreuungsplatz für jedes Kind zusichert, das 12 Monate oder älter ist. Für diesen Betreuungsplatz existiert ein Rechtsanspruch, das bedeutet, Eltern können vor Gericht ziehen, wenn sie keinen Kita-Platz für ihr Kleinkind finden.

Eine weitere Maßnahme, welche die Regierung in die Wege leitet, um vor allem Müttern nach der Geburt die Rückkehr in den Job zu erleichtert, ist das neue Elterngeld Plus. Frauen (und natürlich auch Männer), die kleine Kinder haben und trotzdem in Teilzeit arbeiten, bekommen einen Teil ihres Einkommensverlustes erstattet und können bis zu 28 Monate lang Elterngeld erhalten.

Aber: Reichen diese Gesetze wirklich aus, um es Eltern zu ermöglichen weiterhin berufstätig zu sein? Und wie gehen junge Mütter und Väter konkret mit der Doppelbelastung Familie und Beruf um? Das Portal Kindererziehung.com hat zumindest einen Ansatz, wie man über eine Familienhilfe die auftretenden Probleme bewerkstelligen kann.

 

Familien brauchen Hilfe

 

Fakt ist: In Deutschland werden wieder mehr Kinder geboren

Jahrelang waren die Geburtenzahlen in Deutschland rückläufig. In den letzen Jahren hat sich das geändert: 2014 wurden in Deutschland knapp 715.000 Kinder geboren – das entspricht genau 1,47 Kinder pro Frau. Zum Vergleich: Ein Jahr zuvor waren es nur 1,42 Kinder pro Frau. Damit wurden 2014 pro 1000 Frauen 56 Babys mehr geboren als 2013. Dieser Wert ist der höchste seit der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990.

Diese Zahlen deuten zunächst einmal darauf hin, dass sich wieder mehr Paare dafür entscheiden mehr als ein Kind zu bekommen. Interessant ist, dass die Frauen gleichzeitig immer älter werden, bevor sie ihr erstes Kind zur Welt bringen.

Beispiel: 2001 waren 12 von 1000 Frauen, die ein Kind zur Welt brachten, 40 Jahre alt – 2014 hingegen waren es schon 28. Das Durchschnittsalter der erstgebärenden Frauen lag 2014 bei 29,5 Jahren und stieg somit ebenfalls im Vergleich zum vorherigen Jahr leicht an.

 

Die aktuellen Zahlen für 2015 liegen ebenfalls bereits vor. Daraus ergeben sich folgernde Vergleichswerte im Hinblick auf die Geburtenzahlen:

Jahr

Lebendgeborene

Veränderungen zum Vorjahr in absoluten Zahlen

2000

766.999

- 3.745

2005

685.795

- 19.827

2010

677.947

+ 12.821

2012

673.544

+ 10.859

2014

714.927

+ 32.858

2015

737.575

+ 22.658

Quelle: Statistisches Bundesamt

 

Aus diesen Zahlen lassen sich zwei wichtige Erkenntnisse im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ableiten:

Frauen gründen wieder häufiger eine Familie und bekommen mehr Kinder. Gleichzeitig sind sie aber deutlich älter als noch vor 20 Jahren, wenn sie ihr erstes Kind bekommen – wahrscheinlich, weil sie zunächst ihre Ausbildung beenden und Berufserfahrung sammeln wollen. So wirklich einfach scheint die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht zu sein.

 

Eine aktuelle Studie zeigt: Kind und Karriere sind in Deutschland kaum vereinbar

Vor etwa einem Jahr (Oktober 2015) führten die Thomas-Reuter-Stiftung und die Rockefeller-Stiftung eine repräsentative Umfrage durch um herauszufinden, wie gut deutsche Frauen im internationalen Vergleich ihre Chancen einschätzen, Beruf und Familie erfolgreich miteinander zu vereinbaren.

Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Nur 21 Prozent der Befragten deutschen Frauen waren der Ansicht, dass dies gelingen kann. Französinnen (34 Prozent) und Britinnen (29 Prozent) schätzen die Situation Lage weitaus optimistischer ein.

37 Prozent und damit mehr als ein Drittel der befragten deutschen Frauen glaubten sogar, dass Kinder der Karriere schaden. Dazu passt die Tatsache, dass die meisten Mütter nach der Geburt der Kinder länger komplett zu Hause bleiben und anschließend in der Regel nicht mehr in Vollzeit arbeiten sondern lediglich einen Teilzeitjob annehmen – und das schadet nachweislich der Karriere.

Dabei würden mehr als zwei Drittel der Frauen mit Kindern gerne früher wieder arbeiten und das auch mehr als 20 bis 25 Stunden in der Woche. Die Realität sieht aber anders aus:

2013 arbeiteten 45 Prozent der erwerbstätigen Frauen durchschnittlich sogar weniger als 19 Stunden pro Woche (zum Vergleich: In Schweden sind es durchschnittlich 25 Wochenstunden und damit 30 Prozent mehr bezahlte Arbeitszeit).

Väter hingegen arbeiten nach der Geburt ihres Kindes in der Regel weiterhin mehr als 35 Stunden pro Woche, obwohl sie eigentlich gerne mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen wollen. Weil Männer aber nach wie vor im Schnitt besser bezahlt werden als Frauen können sie beruflich nicht kürzer treten, wenn sie Vater werden – sie tragen einen Großteil zum Familieneinkommen bei. Daran ändern auch die neuen Elterngeldregelungen nicht viel, die meisten Männer verzichten entweder ganz auf die Inanspruchnahme ihrer „Vätermonate“  oder bleiben nicht länger als zwei Monate zu Hause bei Partnerin und Kind. Mehr als die Hälfte der jungen Väter würden nach der Geburt gerne mehr Zeit mit der Familie verbringen, befürchten aber Einkommenseinbußen oder organisatorische Probleme im Betrieb. Auch die Reaktion des Arbeitgebers auf den Wunsch von Vätern ihre Arbeitszeit zu reduzieren fällt häufig noch negativ aus, auch wenn dieser sich nicht quer stellen kann, wenn Männer offiziell Elternzeit beantragen.

Ausführliche Informationen liefert das aktuelle „Memorandum  Familie und Arbeitswelt – Die neue Vereinbarkeit“, herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend:

Memorandum

https://www.bmfsfj.de/blob/94316/26cd21b23fc89669f57e44c0fb9ae4d2/memorandum-familie-und-arbeitswelt-data.pdf

 

 

Auch die Zeitschrift „Eltern“ ließ Ende 2015 eine repräsentative Studie zum Thema Familie durchführen. Insgesamt 1061 Männer und Frauen zwischen 18 und 30 Jahren wurden nach ihren Wünschen und Vorstellungen zum Thema Familiengründung befragt und sollten vor allem Auskunft darüber geben, wie die Zukunft der Familie in Deutschland aussehen könnte.

Das Ergebnis:

  • Ganze 87 Prozent der noch kinderlosen Männer und Frauen bejahten die Frage, ob sie später einmal Kinder haben wollen. Die Mehrheit der Befragten gab an, dass für sie das perfekte Alter zum Kinderkriegen zwischen dem 28. und 35. Lebensjahr sei. Aber: Rund ein Drittel konnte sich persönlich ein „Social Freezing“ vorstellen und 37 Prozent der Studienteilnehmer glaubten, dass es in 20 Jahren eher die Regel sein wird, dass Frauen mit 50 noch Kinder zur Welt bringen.
  •  60 Prozent der Befragten wünschten sich gemeinsam mit ihrem Partner die Kinderbetreuung zu übernehmen und trotzdem berufstätig zu sein – aber nur 38 Prozent glaubten, dass dieses Modell in der Zukunft umsetzbar sei.
  • Fast 40 Prozent der Befragten wünschen sich mehr Zeit, um Kinder großzuziehen oder Familienangehörige zu pflegen. Bessere Betreuungsmöglichkeiten fordern 35 Prozent und 25 Prozent der Männer und Frauen sehen vor allem Nachholbedarf, was die finanzielle Unterstützung von Familien angeht.

 

Eine Zusammenfassung der Forsa-Studie finden Sie hier:

Eltern

http://www.eltern.de/public/mediabrowserplus_root_folder/PDFs/zukunft-der-familie-studie.pdf

 

Fazit: Immer mehr Familien entscheiden sich, die Doppelbelastung Familie und Beruf auf sich zu nehmen. Gerade Frauen wollen heute beides – Kind und Karriere. Der Ausbau der Kinderbetreuungsangebote hat dazu beigetragen, dass Frauen früher wieder arbeiten gehen können. Trotzdem sind Mütter noch benachteiligt, wenn sie weder Job noch ihre Familie vernachlässigen möchten. Ob das neue Elterngeld Plus an dieser Situation etwas ändert wird sich zeigen. Noch nutzen nur wenige Familien die neuen Möglichkeiten- das könnte auch daran liegen, dass sie Beantragung kompliziert ist und es zu viele Ausnahmeregelungen und bürokratische Hürden gibt. Zudem anderen fehlen gerade in Ballungsräumen nach wie vor geeignete Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren. Klagen gab und gibt es trotzdem kaum – denn die Träger der Einrichtungen müssen lediglich einen Betreuungsplatz zur Verfügung stellen. Wie weit dieser von der Wohnung der Eltern entfernt ist und für wie viele Stunden in der Woche die Betreuung gewährleistet sein muss ist nicht gesetzlich geregelt. Das können die Kitas anhand eigener Kriterien im Einzelfall selbst entscheiden.

Mehr als 30 Prozent der jungen Familien nehmen im Hinblick auf die Kinderbetreuung die Hilfe der Großeltern in Anspruch. Ist das nicht möglich wird es für Mütter und Väter noch schwieriger Kinder und Karriere miteinander zu vereinbaren.

 

Zusammenfassend lässt sich also sagen:

  • Frauen bekommen wieder mehr Kinder
  • sie werden immer älter, wenn sie zum ersten Mal ein Kind zur Welt bringen
  • nachdem sie eine Familie gegründet haben, arbeiten Frauen nur noch selten in Vollzeit
  • Mütter würden nach der Geburt der Kinder gerne früher wieder in den Beruf einsteigen und auch mehr arbeiten, Männer hingegen wünschen sich mehr Zeit mit der Familie zu verbringen und würden gegebenenfalls auch ihre Wochenarbeitszeit reduzieren, wenn es die finanzielle Situation zuließe
  • wenn sich das Lohnniveau der Frauen an das der Männer annähern würde, könnten Mütter und Väter bessere Regelungen finden was die Vereinbarkeit von Job und Familie angeht (z.B. eine 30-Stunden-Woche für beide Elternteile)
  • Arbeitgeber müssten noch familienfreundlicher werden und es ihren Mitarbeitern beispielsweise ermöglichen von zu Hause aus zu arbeiten oder sich ihre Arbeitszeit flexibel einzuteilen
  • In Sachen Elterngeld und Kinderbetreuungsplätze bzw. auch im Hinblick auf die Qualität der Kinderbetreuung in Deutschland besteht noch Verbesserungspotenzial